| 12.6.04. | Abendblatt |
| Wilhelmsburg ist entsetzt | |
| Bebauungsplan: Das "Weißbuch" des Senats von 2002 ist nur noch Papier wert. Nach Obergeorgswerder sollen Gewerbe und Industrie | |
| Von
Jochen Gipp Wilhelmsburg - Bewohner Wilhelmsburgs und des ländlichen Raums im Osten der Elbinsel sind entsetzt und enttäuscht, weil Hamburg auf dem gut 40 Hektar großen Spülfeld von Obergeorgswerder Industrie und Gewerbebetriebe ansiedeln möchte. Noch vor zwei Jahren hatten Bürger zusammen mit Behörden nach einer arbeits- und zeitaufwendigen Zukunftskonferenz ein so genanntes "Weißbuch" herausgegeben, in dem alle Verbesserungswünsche für den Stadtteil aufgelistet sind. Für das Spülfeld Obergeorgswerder steht im Weißbuch geschrieben: Waldnutzung und Reitmöglichkeiten. Aber viel mehr als ein Wunschzettel scheint das Weißbuch nicht zu sein, denn Hamburg hält - egal welche Regierung - an seinen jahrzehntelangen Nutzungsplänen für Industrie und Gewerbe auf dem Spülfeld fest und bereitet dafür jetzt den Bebauungsplan "Wilhelmsburg 86" vor. Harburgs Stadtplanungsausschuss hatte dazu Donnerstag in der Wilhelmsburger Gewerbeschule Dratelnstraße eine öffentliche Plandiskussion, zu der knapp 100 Bewohner des Stadtteils gekommen waren. Harald Köpke, Anlieger vom Einlagedeich, war der erste Bewohner des Wilhelmsburger Ostens, der sich gegen den Bebauungsplan zu Wort meldete: "Die Pläne Hamburgs vor zehn Jahren, eine Müllverbrennungsanlage in Wilhelmsburg zu bauen, waren schon ein starkes Stück. Viel schlimmer noch ist jetzt aber die Absicht der Industrieansiedlung. Wir wollen Verbesserungen für Wilhelmsburg und keine Verschlechterungen." Carl-Henning von Ladiges, Leiter der Harburger Stadtplanungsabteilung, zählte daraufhin eine Reihe von Verbesserungen auf, die Wilhelmsburg bevorstehen, darunter die Investitionen für die Internationale Gartenschau 2013 oder das Forschungsvorhaben "Stadtumbau West", das neue Nutzung brachliegender Flächen an Reiherstieg, Veringkanal, Ernst-August-Kanal, Aßmann- und Jaffe-Davids-Kanal zum Ziel hat. Derzeit wird das Spülfeld (vier Meter hoch Elbsand, darauf ein Meter zumeist mit Schwermetallen schadstoffbelasteter Elbschlick) noch von Landwirt Hennig Cordes als Anbaufläche für Futtergetreide genutzt. Die Schadstoff-Grenzwerte erlauben dies derzeit noch. Cordes, der seit sechs Jahren auch Betreiber einer großen Windkraftanlage auf dem Spülfeld ist: "Ich hoffe, dass ich hier noch viele Jahre Futtergetreide anbauen kann." Wegen der Novellierung des Baugesetzbuchs Mitte dieses Jahres, wurde das B-Planverfahren bereits der künftig vorgeschriebenen Umweltprüfung angepasst. Gutachten für Lärm-, Luft-, Wasser-, Bodenbelastungen sind einzuholen und zu berücksichtigen. Was wegen der Bodebelastungen bei einer künftigen industriell-/gewerblichen Nutzung des Spülfelds zu tun sei, war eine der Fragen. Der Schlick ließe sich abtragen oder komplett versiegeln, erklärte von Ladiges. Egal, ob Nutzung des Spülfelds für Industrie (beispielsweise HHLA-Überseezentrum) oder kleinteiliges Gewerbe: Es wird Pkw- und Lkw-Verkehr zur Folge haben. Auch dagegen wehren sich die Anlieger. Drei Straßenabsperr-Versionen sind im Gespräch - auch zum Schutz weiterer Hausbauer am Obergeorgswerder Deich. In etwa einem Jahr sollen Pläne ausgelegt werden. Dagegen können Bürger ihre Bedenken schriftlich einreichen. |
|
![]() |
|
| << zurück Startseite | << zurück Presse 2004 |