Auszüge aus:

Ansprache Gottfried Eich,
Geschäftsführer der EP, am 18.5.05. in der Schule Slomanstieg, Veddel

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Gäste !

Herzlich willkommen auf der Schatzinsel Elbinsel in den Räumen der Schule Slomanstieg, die bereits mehrfache Gastgeberin von Veranstaltungen der Entwicklungspartnerschaft Elbinsel war.
Herr von Beust weiß die Elbinsel bereits als Schatz zu würdigen, nicht nur programmatisch, sondern durch seinen inzwischen dritten Besuch innerhalb von fünf Wochen. Wir glauben aber, dass es hier noch mehr Schätze zu finden gibt, als es die Programmatik des Sprungs über die Elbe bisher hat ahnen lassen.

( Die Bedeutung von EQUAL )

Die Entwicklungspartnerschaft Elbinsel ist ein Zusammenschluss von Jugendhilfe- und sozialen Einrich- tungen, Schulen, Qualifizierungs- und Beschäftigungsträgern, Behörden und Betrieben im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative EQUAL der Europäischen Union. Sie hat sich 2002 vorgenommen, zur Verbesse- ung der Beschäftigungsfähigkeit benachteiligter Gruppen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes sowie kleiner und mittlerer Betriebe beizutragen.
Als roter Faden zieht sich durch den EQUAL-Ansatz vor allem das übergeordnete Ziel, sowohl innovative Modelle zu erproben als auch mit neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Beschäfti- gungsträgern, sozialen Einrichtungen, Initiativen und öffentlicher Verwaltung Diskriminierung und Ungleich- heiten auf dem Arbeitsmarkt abzubauen. Die neu entwickelten Modelle sollen verbreitet werden und über das sog. Mainstreaming positive Veränderungen in Praxis und Politik bewirken.
Die Philosophie des EQUAL-Programms ermutigt in besonderer Weise Experiment und Innovation. Misserfolge werden nicht bestraft, weil es bei der Suche und Erprobung von neuen Arbeitsansätzen darum geht, herauszufinden, was funktioniert und was nicht.
Innovation ist deshalb nicht einfach eine Kette plötzlich auftauchender, sensationeller neuer Lösungen und Erfolge. Schatzsuche, das wissen alle erfahrenen Schatzsucher, ist kompliziert : nicht wegen des hohen administrativen Aufwandes, sondern Schatzsuche erfordert, die Grenzen scheinbar altbewährter Praxis zu überschreiten. Freude am Lernen, Lust auf Veränderung, überdurchschnittliches Engagement und eine erhebliche Portion Durchhaltevermögen auch unter schwierigen Bedingungen sind wesentliche Voraus- setzungen, bei der Schatzsuche erfolgreich zu sein.
( Was haben wir in den vergangenen Jahren gemacht ? )

In den vergangenen drei Jahren haben wir zahlreiche Projekte entwickelt und realisiert, Unternehmersemi- nare veranstaltet, Fachveranstaltungen und gemeinsame Fortbildungen mit alten und neuen Partnern durchgeführt, unterschiedliche Ansätze erprobt und damit versucht, Neues zu entdecken und Bekanntes weiterzuentwickeln.
Dabei haben wir auf der Suche nach Schätzen sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Wir haben entdeckt, wie anstrengend Innovationsarbeit sein kann, dass Vieles nicht direkt planbar ist. Mal konnten die angestrebten Ziele auf direktem Weg erreicht werden, mal erwiesen sich die eingeschlagenen Wege zum vermuteten Schatz als Sackgasse, mal kamen auf der Suche nach klar umrissenen Schätzen vollkommen unerwartet Schätze am Wegesrand zum Vorschein.

Dabei ist für viele Beteiligte eine neue Landkarte von der Elbinsel entstanden.
Wenn Sie nun in der Präsentation betrachten, welche Schätze wir fanden, können auch Sie für sich eine neue Landkarte der Elbinsel erschließen. Mit Sicherheit werden dabei sehr unterschiedliche Landkarten in den Augen der unterschiedlichen Betrachter entstehen, sei es bei der Berufsorientierung in schulischen und außerschulischen Einrichtungen, beim Übergang zu Arbeit und Ausbildung, in der Kooperation von und mit Betrieben.
Was wir erreicht haben und welche Auswirkungen dies für die Praxis und Politik haben kann, werden wir in der anschließenden Diskussion ab 16 Uhr erörtern.
Einige Erkenntnisse :

Kontakt und Kommunikation sind für den Erfolg, für neue Arbeitsansätze manchmal wichtiger als der spezifische Inhalt. Dies hat sich im Kontakt mit Betrieben und bei der Durchführung von Unternehmersemi- naren gezeigt, was letztendlich zur Gründung der Interessengemeinschaft Reiherstieg geführt hat. Die Erfahrung, dass die längerfristige Förderung von direktem Kontakt aus potentiellen Akteuren aktiv Handeln- de macht, könnte die Behörde für Stadtentwicklung in positiver Weise im zukünftigen Sanierungsgebietes Reiherstieg nutzen.

Kontakt und Kommunikation sind auch ein wesentlicher Schlüssel in der Kooperation von Jugendhilfe mit schulischen und außerschulischen Bildungsinstitutionen, wenn es z.B. darum geht, die Elternarbeit zu intensivieren und zu vernetzen.
Aber: Erfolgreiche Kooperations- und Vernetzungsarbeit braucht Ressourcen und lässt sich bei den mehrfach reduzierten Mitteln der Institutionen, Schulen, Trägern und Einrichtungen nicht mehr aus dem Bestand herausschneiden !

Kontakt zwischen Schule und Betrieb war auch die Basis dafür, dass aus dem Projekt Lebens- und Berufsorientierung eine neue - ursprünglich nicht geplante - Lernortkooperation der Gartenbaufirma Schlatermund mit der Gesamtschule Kirchdorf entstehen konnte und damit das sog. Grünlabyrinth auf den Weg gebracht wurde, das einen Beitrag zum praxisbezogenen Lernen und zur IGS leistet.

Vor allem aber haben wir noch einmal die zentrale Bedeutung von Bildung als noch immer unterbewertetem Schatz auf der Elbinsel entdeckt.
Die Notwendigkeit, die Anstrengungen im gesamten Bildungssektor zu intensivieren, wurde bereits 2001 auf der Zukunftskonferenz als eine der entscheidenden Schwerpunkte für Veränderungsprozesse auf der Elbinsel benannt.
So hieß es 2002 in der Dokumentation, „die Elbinsel braucht ein gezieltes, von der Politik gefördertes Bildungskonzept, das die Bereiche von der frühkindlichen Förderung bis zur Förderung der Ausbildungs- chancen der Jugendlichen und der Weiterbildung Erwachsener mit einbezieht.“

Einerseits haben sich viele Bildungsinstitutionen nach der Zukunftskonferenz, die zum ersten Mal eine breitere Beteiligung von Bildungseinrichtungen im Prozess der Stadtteilentwicklung erreicht hat, wegen der ausbleibenden Umsetzung ihrer Vorschläge resigniert aus vielen Diskussionen zurück gezogen;
andererseits gibt es auf der Elbinsel kaum ein Thema, dass wie die Bildungsfrage über alle Gruppierungen und Fraktionierungen hinweg gemeinsam als derart verbesserungswürdig angesehen wird.

Die Bemühungen von innovativen Querschnittsprojekten wie INA, Forum Bildung Wilhelmsburg und der Entwicklungspartnerschaft Elbinsel, durch Kooperation und Vernetzungsarbeit ‚von unten’ die Bildungs- landschaft zukunftsfest zu machen, können nur sehr begrenzte Wirkungen entfalten.
Die regionale Bildungslandschaft, die den besonderen Gegebenheiten der Elbinsel gerecht wird, muss deshalb mit einem politischen Auftrag gestaltet werden, mit einer klaren fachbehördlichen und personellen Zuständigkeit versehen und die aktiven Beteiligung und verbindliche Einbeziehung der lokalen Akteure ermöglichen.
Bildung muss exemplarisch weiterentwickelt werden. Dies könnte z.B. beginnen mit Startprojekten wie Sprachförderung und Internationaler Schule neuen Typs und schrittweise mit neuen Erfahrungen und Ergebnissen angereichert auf die gesamte Breite der Bildungsgebiete ausgedehnt werden: von der vorschulischen, schulischen, berufsbildenden Bildung, der Jugendhilfe bis hin zur Eltern-, Erwachsenen- und beruflichen Weiterbildung.


Bildung ist für die Zukunft der Elbinsel inzwischen zu einem harten Standortfaktor geworden und nicht mehr nur ein wichtiger weicher Faktor.
Deshalb lautet unsere These :
Die Internationale Bauausstellung und die Internationale Gartenshow können nicht erfolgreich sein, ohne dass Bildung auf der Elbinsel eine ganz neue Schubkraft erhält.

Unter den hellen Lichtkegeln der verschiedenen bislang angedachten Leuchtturmprojekte des Sprungs über die Elbe befindet sich ein großes dunkles Schattenfeld, aus dem die Bildung der Elbinsel noch nicht herausgetreten ist.

Ohne einen neuen Bildungsansatz kann eine konzeptionell gut durchdachte Stadtteilentwicklungspolitik nicht erfolgreich sein.

Ohne einen neuen Bildungsansatz kommen keine für die Bewohner der Elbinsel relevanten Arbeitsplätze her - dies lehrt uns die Erfahrung mit dem Airbus-Projekt, das auf besonders gut qualifizierte Fachkräfte angewiesen ist.

Qualifizierungs- und Beschäftigungsansätze werden auf der Elbinsel ohne einen wirklichen Entwicklungs- schub im Bildungsbereich keine ausreichenden Wirkungen zeigen. Wir haben leider eine überaus bedenk- liche und kontraproduktive Entwicklung hinzunehmen, dass vor Ort zahlreiche neben den bekannten Kürzun- gen im Bildungsbereich auch ausbildungs- und qualifizierungsfördernde Maßnahmen in den vergangenen drei Jahren abgebaut wurden und die erfahrenen, verbleibenden Träger keine halbwegs gesicherte Zukunft haben.

Ohne einen neuen Bildungsansatz gibt es nicht den politisch gewünschten Zuzug von Mittelschichtsfamilien - die Probleme bei der Vermarktung der Bausolarausstellung in Wilhelmsburg weisen darauf hin.

Aber wir wissen nach den Erfahrungen der letzten Jahre : eine andere Bildung ist möglich, Entwicklung findet statt, erste Ausschnitte für eine neue Landkarte einer Bildungslandschaft der Zukunft sind erkennbar.
Bildung auf der Elbinsel ist natürlich viel mehr als das, was hier in Ausschnitten im Rahmen des EQUAL- Projekts präsentiert wird.

Bezüglich der geplanten IBA gibt es einen klar strukturierten Handlungsansatz : Der Oberbaudirektor hat im Rahmen der Strategie der Wachsenden Stadt eine Vision entwickelt, passend dazu ein zielorientiertes, inhaltliches Konzept, die Finanzierung steht, ein verbindlicher Zeitplan existiert und ein Projektmanagement soll eingesetzt werden.
Dies ist das Muster, das auf die Bildungsfrage auf der Elbinsel anzuwenden wäre:
Die IBA braucht eine IBA – die Internationale Bauausstellung braucht eine Internationale Bildungsausstellung :
mit einer Vision, einem mutigen inhaltlichen Konzeptansatz, einer Vielzahl zukunftsweisender, bedeutender Vorhaben und Startprojekte, mit einer soliden Finanzierungsplanung und einem klar strukturierten, beteili- gungsorientierten Kooperations- und Projektmanagement, mit dem die Bildungslandschaft der Elbinsel nachhaltig und sichtbar verändert wird und mit der eine tragfähige Aufbruchsstimmung erreicht werden kann !

Die Diskussion darüber systematisch zu führen, erscheint eine wichtige Aufgabe für die kommende Zeit, nicht erst im nächsten Jahr, sondern möglichst bald nach den Sommerferien.

Wir wünschen uns dazu eine politische Positionierung des Senats mit der gleichen Klarheit und Entschlos- senheit, die er in der Frage des Sprungs über die Elbe gezeigt hat !